Praxisbeispiel 1:
Herr Gerster, Lagermitarbeiter
Kompetenzfeststellung bei der Hamburger Arbeitsassistenz in Kooperation mit der Handelskammer Hamburg
Herr Gerster, 23 Jahre alt, hat im Sommer 2015 die Förderschule Weidemoor in Hamburg beendet. Es folgte ein einjähriger Aufenthalt im Berufsbildungswerk Hamburg im Bereich Holzverarbeitung. Seine Einschränkungen beruhen auf einer frühkindlichen Störung aus dem Autismus-Spektrum. Im Oktober 2016 wechselte er in die Unterstützte Beschäftigung bei der Hamburger Arbeitsassistenz. Nach mehreren Praktika im Bereich Lager und Einzelhandel erhielt er von der Firma seines letzten Praktikumsplatzes im Februar 2019 einen 2-jährigen Beschäftigungsvertrag als Lagermitarbeiter.
Der Kontakt zu Herrn Gerster wurde über seine Arbeitsassistentinnen hergestellt. Im Betrieb stieß ich, als Bildungscoach tätig, auf Seiten seines Vorgesetzten auf ein großes Interesse am Zertifizierungsverfahren. Herr Gerster war zunächst etwas verhalten, da er Bedenken bezüglich des Umfangs hatte. Trotzdem war er daran interessiert, seine Kompetenzen festzuhalten und damit erkennbar werden zu lassen. Erst im Laufe der sieben Termine, welche alle im Betrieb und im Rahmen der Arbeitszeit stattfinden konnten, entwickelte sich bei Herr Gerster ein großes Interesse an der Zertifizierung. Zunächst wurden mir von Herrn Gerster über einen Rundgang im Betrieb die Arbeitsorte und Tätigkeiten gezeigt. Ausgefüllt wurde dann von ihm mit meiner Unterstützung ein Selbsteinschätzungsbogen für den Fachlageristen. Dieser Bogen basiert auf dem Ausbildungsrahmenplan für Fachlagerist*innen. Den gleichen Bogen erhielt sein Vorgesetzter zur Erstellung eines Fremdeinschätzungsbogens. Parallel hierzu wurden die Softskills (Personalkompetenzen und Sozial- und Kommunikationskompetenzen) von Herrn Gerster im Rahmen eines Interviews festgehalten.
Beide Bögen wurden dann von mir ausgewertet, um in einem zweiten Schritt mit Herrn Gerster die zu zertifizierenden Tätigkeiten festzuhalten. Sichtbar für Herrn Gerster war generell nur sein Selbsteinschätzungsbogen. Gleiches galt für seinen Vorgesetzten, der keinen Zugriff auf den Selbsteischätzungsbogen von Herrn Gerster hatte. Beide Bögen wurden dann zur Vorbereitung der Arbeitserprobung zur Handelskammer geschickt. In zwei Ortsterminen wurde die Zertifizierung dann von dem Mitarbeiter der Handelskammer durchgeführt.
Herr Gerster konnte während der Feststellung durch die Handelskammer Vorort sehr gut seine Tätigkeiten zeigen und beschreiben. Die Anerkennung seiner Kompetenzen machte ihn sichtbar stolz.
Hamburg 27.08.2020
Achim Gösling, Bildungscoach TalentPASS Hamburger Arbeitsassistenz
Praxisbeispiel 2:
Achim Schuster, Fachkraft im Gastgewerbe
Kompetenzfeststellung beim IFD Köln in Kooperation mit ValiKom Transfer Köln
Achim Schuster ist 27 Jahre alt und schloss 2011 die Schule an einer Kölner Förderschule Geistige Entwicklung ab. Die nächsten zwei Jahre verbrachte Achim Schuster im Berufsbildungsbereich einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen Fachbereich Metall. Hier machte er Erfahrungen in verschiedensten beruflichen Bereichen und schloss mehrere Praktika ab, unter anderem im Bereich Kantine, Hausservice und im Hotelbetrieb (Küche und Service). Seit dem Jahr 2013 ist Achim Schuster Servicekraft in einem Café in Köln und zuständig für Aufgaben in der Gästebetreuung, im Servicebereich, in der Gastraumpflege sowie in der Warenannahme und Warenkontrolle. Achim Schuster ist ein offener, kommunikativer und wissbegieriger Mensch und hat sich in den letzten Jahren mit Unterstützung seines Arbeitgebers und seinen Kolleg*innen im Café viele berufliche Fähigkeiten angeeignet. Auch in seiner Freizeit ist er engagiert – schon in der Schule war er als Streitschlichter tätig und lässt sich neben dem Beruf aktuell zum Peer ausbilden. In dieser Funktion möchte er anderen Menschen mit Behinderungen beratend zur Seite stehen und diese beim Weg in ein selbständiges und selbstbestimmtes Leben unterstützen. Achim Schuster selbst hat einen Grad der Behinderung von 80. Er hat Probleme beim Schreiben und Lesen und ein verlangsamtes Aufgabenverständnis und Lernverhalten. Das Café in dem Achim Schuster tätig ist, ist ein Inklusionsbetrieb in dem Menschen mit und ohne Behinderungen arbeiten. Dementsprechend offen und engagiert zeigt sich der Arbeitgeber bei der Mitwirkung und Unterstützung einer beruflichen Kompetenzfeststellung von Achim Schuster im Rahmen von TalentPASS. Zunächst arbeitet Achim Schuster mit mir als Bildungscoach verschiedene persönliche, soziale und berufliche Kompetenzen mit Hilfe des ProfilPASS heraus. Hierbei versucht Achim Schuster sich reflektiert selber einzuschätzen. Die Ergebnisse werden alle schriftlich festgehalten. Schnell zeigt sich, dass sich Achim Schuster beruflich eine Fülle an Fertigkeiten und Fähigkeiten angeeignet hat und im Café sehr selbständig agiert. Nach Abschluss der Kompetenzfeststellung mit dem ProfilPASS erfolgt ein Besuch im Betrieb. Gemeinsam mit dem Arbeitgeber werden die herausgearbeiteten Fähigkeiten besprochen und teilweise ergänzt. Es zeigt sich nun ein umfassendes und vielfältiges Bild von beruflichen Kompetenzen. Achim Schuster erhält eine bestätigende Fremdeinschätzung durch mich und seinen Arbeitgeber. Gemeinsam wird die Möglichkeit einer zusätzlichen externen Validierung besprochen. Im Rahmen von TalentPASS hat sich eine Kooperation mit dem Projekt ValiKom Transfer der IHK Köln ergeben. Im Zuge dieses Projektes können sich Menschen ohne grundständige Berufsausbildung ihre beruflichen Fähigkeiten durch Berufsexpert*innen der Kammer validieren und zertifizieren lassen. Mit der Grundlage der bereits bestehenden Kompetenzfeststellung wird ein aktueller Lebenslauf erstellt und ein Selbsteinschätzungsbogen zur beruflichen Fähigkeiten von ValiKom Transfer ausgefüllt. Als Referenzberuf wird die „Fachkraft im Gastgewerbe“ festgelegt. Nach Begutachtung der Unterlagen und Zusendung eines aktuellen Arbeitszeugnisses sieht die Projektleitung von ValiKom Transfer der IHK Köln alle Kriterien erfüllt und es findet ein Vorgespräch mit dem Berufsexperten statt. Hierbei unterstütze ich als Bildungscoach, bespreche mögliche Beeinträchtigungen, die sich bei der Validierung auswirken könnten und helfe Achim Schuster seinen beruflichen Alltag darzustellen. Der Berufsexperte und die Projektleitung der IHK Köln zeigen sich schon beim Vorgespräch beeindruckt und schlagen eine Validierung im Betrieb vor, um die Überprüfung alltagsnah gestalten zu können. Vor der Prüfung übt Achim Schuster einige spezifische Inhalte des Ausbildungsrahmenplanes noch einmal mit Unterstützung seiner BeWo-Betreuerin, seiner psycho-sozialen Fachberaterin und mir. Besonders wichtig ist beispielsweise das korrekte Eindecken für ein 3-Gänge-Menü. Achim Schuster wird in den Bereichen Gästeumgang, Servicebereich, Gastraumpflege und Hygienemaßnahmen und Umgang mit Ware validiert. Dies entspricht vier von fünf Bereichen, die überprüft werden können. Im Bereich Küche hat Achim Schuster zu wenig Erfahrung. Die Überprüfung erfolgt durch Fachgespräche und Rollenspiele. Achim Schuster zeigt eine beeindruckende Leistung und begeistert den Berufsexperten und die anwesende Projektleitung von ValiKom Transfer Köln nachhaltig. Er bekommt alle geplanten Bereiche anerkannt und erhält ein Zertifikat der IHK Köln im Rahmen von ValiKom Transfer. Somit ist auch im Rahmen von TalentPASS das höchste Projektziel erreicht: die Feststellung der beruflichen Fähigkeiten durch eine der höchsten Institutionen des deutschen Ausbildungssystems. Darüber hinaus wird Achim Schuster durch den IFD Köln ein Zertifikat über seine persönlichen und sozialen Kompetenzen erhalten. Des Weiteren ist eine berufliche Weiterbildung im Bereich „Barista“ geplant. Der Arbeitgeber erklärt sich darüber hinaus bereit Achim Schuster die Möglichkeit zu geben, in der Küche mitzuarbeiten, um den noch fehlenden Bereich des IHK-Zertifikats nachvalidieren zu lassen. Achim Schuster ist sichtlich zufrieden mit dem Ergebnis und fühlt sich in seinen beruflichen Fähigkeiten und seinen Wünschen für die Zukunft bestärkt.
Köln, 31.08.2020
Annika Lausen, Bildungscoach TalentPASS IFD Köln
Einen in der impulse 93 veröffentlichten Artikel zu Validierung zweier TalentPASS-Teilnehmer finden Sie hier: